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Pferde im Winter eindecken, ja oder nein?

4. Oktober 2018

Der Sommer neigt sich endgültig dem Ende zu und in den meisten Reitställen kommt die alljährliche Diskussion über das Eindecken der Pferde auf. Die Einen decken ihre Pferde gar nicht ein und die anderen stellen jedes Jahr aufs Neue die Frage: Wann ist der richtige Zeitpunkt? Dann, wenn uns Menschen selbst zu kühl draußen wird und wir unsere Jacken und Westen aus dem Schrank holen? Oder wenn nachts die Temperatur auf unter 10 Grad Celsius zurück geht? Die allgemeine Deckendiskussion und auch die immer neuen Deckenmodelle verunsichern viele Pferdebesitzer, denn sie bzw. wir möchten schließlich nur das Beste für unsere Vierbeiner.
Um eine begründete Entscheidung darüber zu treffen, ob eine Decke für das eigene Pferd notwendig ist, ist es hilfreich sich näher mit der sogenannten Thermoregulation des Pferdes zu beschäftigen.


Ob das Pferd eingedeckt werden muss oder nicht ist von mehreren Faktoren abhängig.

Das Pferd als Anpassungskünstler

Das Pferd gehört in Bezug auf klimatische Bedingungen zu den widerstandsfähigsten Säugetieren auf der Welt. Die amerikanische Studie „Cold housing effects on growth and nutrient demand of young horses“ (Journal of Animal Science) ergab, dass das Pferd in den verschiedensten Klimazonen von trocken & kalt bis warm & feucht und auch bei Temperaturschwankungen von 40 Grad Celsius zwischen Tag und Nacht problemlos ohne externe Hilfsmittel leben kann. Diese Widerstandskraft gegenüber dem Wetter hat das Pferd seinem Thermoregulationssystem zu verdanken.
 

Das Thermoregulationssystem des Pferdes

Am wohlsten fühlt sich das Pferd bei Temperaturen von 5 – 15 Grad Celsius. Bei diesen Temperaturen können die Pferde ihre normale Körpertemperatur von 37,5 -38,5 Grad Celsius ohne weiterführende Mechanismen halten. Sinkt aber die Außentemperatur, können Pferde auf verschiedene Regulationsmechanismen zurückgreifen. Das Thermoregulationssystem umfasst die anatomischen, physiologischen und verhaltenstechnischen Mechanismen, die eine zusätzliche Wärmeproduktion mit sich führen.

Physiologischer Mechanismus des Pferdes
Die physiologische Komponente des Thermoregulationssystems beinhaltet alle Mechanismen, die mit dem Körper des Pferdes in Verbindung stehen. Das bedeutet: Haut, Fell, Fett und die Durchblutung sind strukturelle Eigenschaften der Thermoregulation. Generell lässt sich sagen, dass Fett im Gegensatz zu anderem Gewebe, dreimal so stark isolierend wirkt  und außerdem auch zusätzliche Energie für die Wärmeregulation liefern kann. Dafür muss die Fettschicht allerdings gesund und gleichmäßig über den Körper verteilt sein. Außerdem muss eine ausreichende Futterzufuhr vorhanden sein, damit der Dickdarm 30 % des Futters in Wärme umwandeln kann.

Eine weitere Komponente ist das Fell des Pferdes. Zum Winter hin befindet sich das Pferd im sogenannten Fellwechsel. Das Fell verändert sich dahin gehend, dass es länger und dichter wird und damit die Funktion der Wärmedämmung übernimmt. Inmitten der einzelnen Fellhaare und über der Haut befindet sich ein Luftpolster, welches, neben der Haut selbst, eine isolierende Funktion aufweist. Das Luftpolster wird zur Pferdehaut hin vom Wollhaar geschützt und nach außen hin wird dieses Polster vom Deckhaar abgeschirmt. Wie auch der Mensch hat das Pferd die Möglichkeit des Zitterns mit den Muskeln, um zusätzliche Wärme zu erzeugen.

Anatomische Mechanismus
Pferde gehören zu den homoiothermen (gleichwarmen) Tieren und ihr Körperbau ist dementsprechend darauf angepasst. Pferde haben einen Körperbau bei dem die Körperoberfläche im Verhältnis zu seiner gesamten Körpermasse reduziert ist. Sprich Pferde haben eher großen Körper mit kurzen Extremitäten. Nordponys haben zum Beispiel einen kleinen, schweren & kugeligen Körper mit kurzen Extremitäten, weil Sie viel Kälte ausgesetzt sind.

Verhaltenstechnische Mechanismus
Zum Schutz vor schlechter Witterung sammeln sich Pferde in Gruppen und stellen sich mit der Kruppe in Richtung des Windes, um dem Wind so gut es geht auszuweichen. Darüber hinaus suchen Sie immer Stellen auf, die im Windschatten liegen und vermeiden -wenn möglich- Stellen die feucht sind.

Fazit: Decke ja oder nein?

Mit dem Hintergrundwissen, dass das Pferd im Normalfall durch seine Thermoregulation bestens gegen den mitteleuropäischen Winter gerüstet ist, lässt sich allgemein sagen, dass ein Pferd keine Decke benötigt. Aber allerdings gibt es, wie bei fast allen Fällen, auch Ausnahmen bei denen eine wind- und wasserdichte Decke wirklich notwendig ist:

  • Wenn das Pferd gesundheitlich und körperlich nicht fit genug ist, um das körpereigene Thermoregulationssystem umsetzen zu können, aber trotzdem nicht auf die tägliche frische Luft verzichten soll.
  • Wenn das Pferd in einem innenliegenden und weitaus wärmeren Stall gegenüber der Außentemperatur eine Box hat und nur für ein paar Stunden draußen den kalten Klimabedingungen ausgesetzt ist. Denn dabei kann das Pferd sich nicht an die Kälte gewöhnen.
  • Wenn das Pferd geschoren ist.
  • Wie bei Menschen auch haben die Pferde auch innerhalb der Rasse ein unterschiedliches Kälteempfinden und frieren dadurch schneller als andere.

Im Endeffekt sind wir als Mensch und Pferdebesitzer also gefordert sich genaue Gedanken über die Verwendung einer Decke zu machen. Es ist wichtig, dass wir unser Pferd stets beobachten, um einschätzen zu können, ob das Pferd friert oder sich in bei den aktuellen Klimaverhältnissen wohl fühlt oder eben nicht. Es sollte aber nicht das eigene Kälteempfinden auf das Pferd übertragen werden und - auch wenn es manchmal schwer fällt- sollte man sich nicht von aktueller Werbung etc. verleiten bzw. verunsichern lassen. Jedes Pferd sollte individuell betrachtet und behandelt werden.

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